Heute vor 60 Jahren: Universität steht still

Spiegel Cover zur Ernennung von Leonhard SchlüterAm 26. Mai 1955 ereignete sich ungeheuerliches in Göttingen: Der Senat und die Universitätsleitung traten zurück, der AStA schloss sich diesem Votum an und tags darauf beteiligten sich beinahe alle Studierenden an einem Generalstreik. Nur drei Vorlesungen mit zusammen 25 Hörern fanden statt. Studierende brachten mit Fackelzügen ihr Besorgnis zum Ausdruck. Was war geschehen?

Auf den Tag genau vor 60 Jahren ernannte der niedersächsische Landtag den völkischen und rechtsextremen Verleger Leonhard Schlüter zum neuen Kultusminister, der fortan Professoren ernennen sollte. Aus Protest gegen diese Entscheidung legten die Vertreter der Universität ihre Ämter nieder. Sie konnten nicht mit einem solchen Vertreter zusammenarbeiten und sahen die Errungenschaften der jungen Bundesrepublik in Gefahr.

Dieser Protest zeigte Wirkung und schlug Wellen. Der Spiegel (siehe oben, Artikel im Volltext hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31970497.html) machte mit diesem Thema auf. Schon wenige Tage später wurde der öffentliche Druck zu groß und am 11. Juni 1955 musste Schlüter zurücktreten – ein bis heute leuchtendes Beispiel für die Verteidigung der Hochschulautonomie vor politischen Eingriffen.