Offener Brief: Keine Huldigung für Antisemiten an der Universität Göttingen

Am gestrigen Montag, den 24. Juli veranstaltete der AStA einen Vortrag über Paul Anton de Lagarde. Dieser war Ende des 19. Jahrhunderts Professor für Orientalische Philologie an der Universität Göttingen. Das Seminar für Ägyptologie und Koptologie erwähnt ihn heute auf der eigenen Homepage als „wohl beste[n] Koptologe[n] der Zeit“ und vermerkt er sei „außerhalb seines Fachgebiets vor allem durch seine zivilisationskritischen politischen Schriften“ bekannt geworden. Doch kann dies getrost als Verharmlosung seines eigentlichen Gedankenguts gelten. Denn Lagarde kann heute als ein bedeutender Vertreter des modernen Antisemitismus gesehen werden, der sich zu seiner Zeit formierte. So verglich er „die Juden“ mit Bazillen und sah ihre Umerziehung zu Deutschen als hoffnungslos an. Stattdessen solle man sie alle „so rasch und so gründlich wie möglich vernichten“. Sein Ziel war es, eine Art Nationalreligion durch seine Schriften zu begründen, in denen er sich für eine Germanisierung Polens aussprach und forderte, die dort lebenden Juden nach Madagaskar zu deportieren. Es verwundert also wenig, dass seine Ideen auch bei seinen späteren begeisterten Lesern wie Adolf Hitler oder Alfred Rosenberg Anklang fanden. Dahingegen verstört der Umgang der Universität Göttingen mit diesem Mitglied der Akademie der Wissenschaften umso mehr. Kein einziges kritisches Wort oder auch nur die Erwähnung seines eliminatorischen Antisemitismus findet sich auf den Seiten des Seminars für Ägyptologie und Koptologie. Ganz im Gegenteil, wird Lagarde als bedeutendster Fachvertreter seiner Zeit gefeiert und seine Schriften als „zivilisationskritisch“ verharmlost. Das Seminar für Arabistik/Islamwissenschaften konnte sich immerhin dazu durchringen seinen Antisemitismus zu erwähnen, entschuldigt diesen jedoch umgehend dadurch, Lagarde sei „eine komplexe, durch trübe Kindheitserfahrung belastete, unglückliche Persönlichkeit“ gewesen. Die Göttinger Akademie der Wissenschaften verzichtet da lieber gleich vollständig auf Einlassungen zu seiner Person und beschränkt sich auf die Fortführung Lagardes Lebenswerkes, der Vervollständigung des Septuaginta-Unternehmens. Diese Arbeiten werden zu allem Überfluss auch noch im „Lagarde-Haus“ im Friedländer Weg 11 durchgeführt, an dessen Fassade eine Tafel in Gedenken an diesen „Orientalisten und politischen Schriftsteller“ angebracht ist. Statt einer kritischen Einordnung seines Denkens und seiner Werke und einer damit zwingend verbundenen Distanzierung, finden sich auf all diesen Stellen der Universität nur verklärende Bezüge zu Lagarde neben Bildern, die diesen verehrten Professor der Universität Göttingen jeweils prominent auf den Seiten darstellen.

All dies erscheint noch unerträglicher, wurde die Hochschulleitung doch schon im vergangenen Jahr auf die positive Bezugnahme des Humangenetischen Instituts der UMG auf den NS-Rassehygieniker Fritz Lenz hingewiesen. Einzige Konsequenz der Kritik: die Seite zur Geschichte des Instituts ist nicht mehr online. Eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und der Vergangenheit dieser Institution im Nationalsozialismus scheint von Teilen der Universität Göttingen unerwünscht zu sein. Einmal mehr wird auch an diesen Punkten deutlich, weshalb man sich der Antisemitismusforschung um Prof. Salzborn entledigt hat.

Wir fordern die Universität auf, sich endlich mit den problematischen Teilen ihrer Vergangenheit stärker auseinanderzusetzen und in der öffentlichen Darstellung nicht zu verheimlichen.

Wir fordern die genannten Seminare und die Akademie der Wissenschaften auf, nicht weiter das Gedankengut Lagardes zu verharmlosen und zu verklären, sondern stattdessen eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Antisemitismus zu beginnen und öffentlich zu machen. Die Tafel am Lagarde-Haus muss durch eine Problematisierung seines Gedankengutes ergänzt werden, das Haus muss umbenannt werden. Erst im vergangenen Jahr wurde die Lagarde-Straße in München umbenannt. Die Universität sollte 60 Jahre nachdem die Stadt Göttingen den Lagarde-Platz umbenannt hat endlich diesem Beispiel folgen, um völkischen Antisemiten kein steinernes Denkmal an unserer Universität zu gewähren.

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