Re: Offener Brief des Fachschaftsrates Theologie

Liebe Fachschaft Theologie, liebe Kommiliton*innen,

wir wollen uns hier nun der Reihe nach zu den aufgeworfenen Punkten äußern.

 

Zum Sachverhalt

Der Ankündigungstext war eine verkürzte, überspitzte Darstellung einiger Thesen, die im Vortrag genauer ausgeführt wurden. Dabei war es nie Anspruch der Veranstaltung aktuelle theologische Forschungsfragen zu behandeln, da der Referent selbst nicht dem Fachgebiet entstammt und viel mehr eine historisch-philosophische Analyse des Fortwährens Luthers Denkens aufzeigen wollte. Das Herausstellen bedeutender Ideologischer Versatzstücke von Luthers (antisemitischer) Ideologie und ihr nahezu unverfälschtes Wiederfinden in der des Nationalsozialismus, bedeutet keine Auslassung von 400 jähriger theologischer Auseinandersetzung und im Übrigen auch nicht die der Genese des modernen Antisemitismus als Pseudowissenschaft und Welterklärungssystem im 19 Jahrhundert, sondern zeigt vielmehr auf, dass es Versatzstücke dieser Ideologie unbeschadet von Luther bis ins 20. Jahrhundert geschafft haben. Anschließend an die von Max Weber formulierte protestantische Ethik und ihr Verständnis von Pflicht und Fleiß, die anschlussfähig an das Denken Luthers bleibt, lässt sich tatsächlich konstatieren, dass die Voraussetzungen für die Bedingungen des Nationalsozialismus durch die spezifische Konstellation einer lutherisch inspirierten Arbeitsethik und der sich zusehends säkularisierenden kapitalistischen Herrschaftsvermittlung, die eben nicht wie bspw. zu Feudalzeiten klar erkennbar zutage tritt, sondern über den Umweg gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Austauschs herrscht, besonders ungünstig waren und im Zusammentreffen mit der historischen Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts und des in ihr keimenden Antisemitismus letztlich kulminierten. Diese hier selbstverständlich fast bis zur Unkenntlichkeit verkürzte Erkenntnis bedeutet jedoch keinesfalls, das Erbe Bonhoeffers oder Niemöllers oder irgendeines anderen protestantischen Widerständlers gegen die Barbarei des NS zu beschmutzen. Es versucht lediglich die historischen Spezifika zur Ermöglichung des Nationalsozialismus herauszustellen. Und dazu zählt eben auch, dass eine spezifische Ausprägung protestantischer Ethik ein Rad im Gesamtwerk der historischen Situation war. Keineswegs erschien es uns Intention des Vortrags, noch ist es die des AStA, lutherische Theolog*innen als „notwendige Wegbereiter menschenverachtender Ideologien“ zu erklären. Die Schriften Luthers von dem Verdacht freizusprechen, ein Fortleben in der Ideologie des Nationalsozialismus gehabt zu haben aber ebenso wenig. Genauso gehaltlos erscheint eine Distanzierung von dem Vorwurf, der zugegebener Maßen in seiner Pauschalisierung völlig fehlgeleitet war, Versatzstücke protestantischen Glaubens taugten zur Ideologie. Werden sie zum alleinigen und unangreifbaren Welterklärungssystem, sind sie nämlich genau das.

 

Zum Vortrag

Hier sei zunächst vorausgeschickt, dass die Stimmung im Raum schon vor Beginn des Vortrags recht aufgeheizt erschien. Während des Vortrags taten sich Teile des Publikums immer wieder dadurch hervor, dass sie dem Referenten ins Wort fielen, laut lachten, sich hörbar laut diffamierend über den Referenten äußerten und immer wieder in despektierlicher Weise lautstarke Unterhaltungen anfingen. Seinen Gipfel fand dieses Verhalten nach der Diskussion, als eine der Anwesenden ohne weiteren Grund ihrer anscheinend erlittenen Kränkung durch lautes Türknallen Luft machen musste, ohne sich jedoch zuvor an der Diskussion beteiligt zu haben. Auch die zunächst ruhig und sachlich verlaufende Diskussion geriet gegen Ende aus dem Ruder, als sich einige Anwesende berufen fühlten außerhalb der Redeliste unsachlich und aggressiv den Referenten anzubrüllen. Die Debatte wurde dennoch kurz darauf nicht wegen dieser unerfreulichen Ausfälligkeiten beendet, sondern schlicht, weil der Raum direkt im Anschluss wieder belegt war.

Der offene Brief behauptet, die Betrachtung Luthers seien bloße Psychologisierungen und würden 400 Jahre Theologiegeschichte außer Acht lassen. Die erste Unterstellung entspringt der offensichtlichen Unkenntnis psychoanalytischer Methodik und Herangehensweise an Forschungsgegenstände. Schon 1958 legte der Psychoanalytiker Erikson über 300 Seiten den Versuch einer detaillierten Analyse Luthers anhand seiner Schriften und erhaltener Dokumente vor. Der Vortrag hat hier nicht schlicht psychologisiert, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse rezipiert, deren Unkenntnis beim Publikum nicht gegen den Referenten sprechen. Die Auslassung 400-jähriger Theologiegeschichte schien auch weitestgehend dem Umstand geschuldet, dass der Referent eben kein Theologe ist und der Vortrag auch nie als ein theologischer geplant oder konzipiert war. Wie bereits oben angeführt, war das Ziel des Vortrags eine historisch-philosophisch und dabei psychoanalytisch inspirierte Betrachtung, die Versatzstücken der Ideologie Luthers zu späteren Zeitpunkten, konkret dem Nationalsozialismus und der heutigen Luther-Auseinandersetzung nachspüren wollte. Wie sich die Theologie in den 400 bis 500 Jahren zuvor damit auseinandergesetzt hat, erscheint gerade auch aus Sicht eines psychoanalytischen
Ansatzes eher zweitrangig, da es ja um die Erklärung des Fortlebens eben jener Versatzstücke und Ideologeme geht. Dabei steht bspw. die Aufarbeitung in Wittenberg auch im Kontext gesamtdeutscher Schuldabwehrmechanismen, die in der Antisemitismusforschung als sekundärer oder auch Schulabwehrantisemitismus bezeichnet werden. Hier zur Selbstentschuldung „jüdische Kronzeugen“ vorzuschieben, die die eigene Aufarbeitung als ausreichend und gut bewerten, ist dabei ein ebenso häufig beobachtbarer Mechanismus, der jedoch den Kern des modernen Antisemitismus und besonders seiner spezifischen Ausdrucksform als Schuldabwehr keine Rechnung trägt, da dieser sich eben nicht mehr auf Juden als konkrete gläubige Menschen bezieht, sondern davon vollständig nahezu abstrahiert (weiterführend hierzu Salzborn, Rensmann, Postone, Claussen, Adorno/Horkheimer).

Dennoch können auch wir sagen, der Vortrag hatte einige Schwächen. So war die Terminwahl offensichtlich ein Fehler, wären doch beide Vorträge es wert gewesen sie zu hören. Das haben wir bei den Absprachen mit dem Referenten leider nicht berücksichtigt. Die falsche historische Einordnung Augustinus war eine weitere, da sie jedoch nur als weiterführendes Beispiel diente, schwächte dies keineswegs das Argument, das der Referent im Übrigen bei Adornos Kulturkritik entlehnte. Auch die EKD als direkte Nachfolgeorganisation der Deutschen Evangelischen Kirche aus dem NS zu bezeichnen erscheint uns nicht korrekt, auch wenn an dieser Stelle auf einige personelle Kontinuitäten vor allem auf regionaler Ebene hingewiesen sei. Ebenso ist es für das eigene Argument nur selten hilfreich Zitate verkürzt wiederzugeben, öffnet dies doch gerade den Raum für berechtigte Kritik. Der Feststellung einer Feindlichkeit gegen eine rational aufgeklärte Vernunft in weiten Teilen von Luthers Schriften jedoch entgegen zu halten, er habe selbst einmal eingefordert nur mit „offenbaren Vernunftsgründen“ besiegt zu werden, verharrt in eben jener kritisierten Haltung, nicht das Gesamtwerk zu betrachten und einzelne Stellen aus dem Kontext zu lösen. Denn entscheidend ist nicht, was Luther ad verbum sagte, sondern wie er es im Rahmen seiner gesamten Theologie meinte. Und genau hier kann man in Anschluss an Pohl/Türcke und Wippermann eine Ablehnung des rationalen Vernunftdenkens ausmachen.

 

Zuletzt sei hier noch auf die Anschuldigungen im Rahmen der Diskussion eingegangen. Zu den Schuldabwehrmechanismen in Bezug auf deutsche Aufarbeitung und Erinnerungskultur sei hier auf den oberen Absatz und die darin erwähnten Autoren verwiesen. Dass Religionskritik, die ja auch von der Fachschaft Theologie als wichtig bezeichnet wurde, natürlich auch den Islam nicht aussparen darf, sollte offensichtlich sein. Hätte man den Referenten ausreden lassen und nicht versucht ihn niederzuschreien, hätte deutlich werden können, dass es dabei keinesfalls um eine pauschale Gleichsetzung aller Muslime mit dem IS ging, sondern lediglich die Kritik formuliert wurde, dass vor allem linke Religionskritik ausbleibt, sobald es um den Islam geht aus Angst, wie in eurem Brief und während der Veranstaltung, sofort mit der durch Ressentiments und Rassismus geleiteten AfD in einen Topf geworfen zu werden.

 

Zu den Schlussfolgerungen

Wie gezeigt werden konnte, war der Vortrag weder mangelnd in der Wissenschaft verankert noch entbehrte er wissenschaftlicher Methodik. Es ist allerdings erschreckend mit welcher Ignoranz und Selbstgefälligkeit die Fachschaft Theologie Methodik und Herangehensweise, die nicht ihrer eigenen Fachkultur entspringen, verunglimpft und abwertet. Dies scheint uns im Sinne einer aufgeklärten Universität und im Sinne der Interdisziplinarität unverantwortlich. Ebenso unverantwortlich erscheint der Umgang mit Begrifflichkeiten wie „menschenfeindlich“. Erst wird so zu Recht die Ideologie des Nationalsozialismus bezeichnet, um am Ende des Briefs dem AStA eine solche Menschenfeindlichkeit vorzuwerfen. Hier wird der AStA absichtlich oder aus bloßer Unkenntnis über die Wortwahl rhetorisch in die Nähe der Verbrechen des NS gerückt. Das ist nicht nur schlechter Stil, sondern eine Schande für eine Fachschaft, die zuvor noch zu pauschalisierende Urteile anprangert. Zu guter Letzt wird der AStA von euch „außerhalb des Grundrechtskonsenses unserer rechtsstaatlichen Ordnung“ gestellt, was wiederum aus dem Unverständnis über Methodik und Vorgehen des Vortrags abgeleitet scheint.

Statt der moralisierenden Debatte auf Facebook, wären wir froh gewesen, wenn die Fachschaft frühzeitig und nicht erst am Tag der Veranstaltung auf den AStA zugegangen wäre, dann hätten die Irritationen um den Vortrag in ruhiger Art und Weise geklärt werden können und nicht über Facebook-Posts. Dann wäre es auch möglich gewesen aufzuzeigen, dass es zu dem Thema auch weitere Zugänge als den theologischen gibt und wir hätten vielleicht gemeinsam Diskussionsfragen vorbereiten können.

Wir sehen aufgrund der obigen Erläuterungen zur Methodik des Vortrags auch keine Notwendigkeit uns von dem Vortrag zu distanzieren, noch von den dort getroffenen Aussagen, da diese schlicht nicht 1:1 unsere Ansichten darstellen. Denn es gibt im AStA keine feste Meinung zum Thema Religion, da wir uns als säkulare Einrichtung verstehen.

Eine allgemeine Entschuldigung bei allen christlichen Studierenden ist aus unserer Perspektive ebenfalls nicht notwendig, da der Vortrag ja niemanden das Christ-sein abgesprochen hat, sondern lediglich ein Themenfeld – Luthers Theologie – und institutionelle Einrichtungen kritisiert hat. Etwaige Fehler bei der Darstellung der EKD, haben wir oben richtiggestellt und tun uns leid. Es muss möglich sein in einer aufgeklärten und säkularen Gesellschaft Kritik aus einer sozialwissenschaftlich-philosophischen Perspektive an Religion zu äußern.

Abschließend entschuldigen wir uns für die Facebook-Posts der Mitveranstalter*innen im Nachgang der Debatte, würden uns aber auch von der Fachschaft einen sachlicheren Ton und eine andere Kommunikationsart als Facebook wünschen. Wenn Euch an einem konstruktiven Austausch gelegen ist, dann schreibt einfach eine E-Mail, bevor ihr ein emotional-aufgeladenes Papier veröffentlicht, das den AStA zu Menschenfeinden erklärt und uns außerhalb der Verfassung verortet. Konstruktive Kritik bzw. Austausch geht anders. Als politische Vertretung solltet ihr auch Ansprüche an den AStA auf Eure eigene Arbeit anwenden. Zu Gesprächen sind wir gerne bereit und wären es auch schon vorher gewesen, hättet ihr uns euren Unmut geäußert.

 

Mit freundlichen Grüßen

Euer AStA Universität Göttingen

 

Re: Offener Brief der FS Theo zur Luther-VA

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